Wales - Auf den Spuren des letzten Prinzen
Man spürt es, sieht es und hört es gleich: Wales ist anders. Um das kleine britische Land rankt sich ein unendlicher Reichtum an Historie, Mythen und Legenden, eine eigentümliche alte Sprache lebt dort weiter, das Wetter hat manchmal vier Jahreszeiten an einem Tag in petto und die Menschen sind an unaufdringlicher, ehrlicher Gastfreundlichkeit kaum zu überbieten. Manchmal beschleicht den Reisenden hier tatsächlich das Gefühl, auf den Seiten eines lebendigen Bilderbuchs, inmitten eines alten britischen Landschafts-Gemäldes oder historischen Romans gelandet zu sein. Was gäbe es da für eine passendere Art, dieses Land zu erkunden, als vom Pferderücken aus?

Reiten durch ein Bilderbuch
Unsere Reise beginnt in Clyro, einem kleinen Dorf nahe der Grenze zwischen Wales und England. Diese verläuft nur ein paar Kilometer entfernt mitten durch das hübsche – und ziemlich skurrile – Städtchen Hay-on-Wye (siehe Kasten Seite 30). Die Pferde sind am Ortsrand von Clyro, am Gelände der herrschaftlichen Baskerville Hall untergebracht. Das beeindruckende historische Herrenhaus im Hintergrund sorgt für genau die
richtige Einstimmung auf unseren viertägigen Rundritt. Nach dem Kennenlernen der Pferde und unseres Guides May sowie der unverzichtbaren Tasse Tee satteln wir auf, packen unsere Satteltaschen und brechen auf den viertägigen „Welsh Prince Trail“ auf. Während der nächsten Tage werden wir die östliche walisische Grenzregion zwischen Hay-on-Wye im Süden und Radnor im Norden erkunden. Hier, jenseits der Küsten
und Ballungsräume, ist Wales spärlich besiedelt. Die Landschaft ist geprägt durch das Kambrische Gebirge und seine Hügelketten, Wiesen- und Heidelandschaften, Moore und kleine Dörfer: Das Bild, das der durchschnittliche Festland-Europäer von Wales im Kopf hat, kommt der Realität tatsächlich ziemlich nahe. Auf schmalen Sträßchen und Feldwegen reiten wir an diesem ersten Tag vorbei an alten Bauernhöfen, wo uns entspannte Hofhunde milde interessiert anblinzeln, an historischen Kirchen und verwunschenen Friedhöfen, und immer wieder hinauf auf die Hügel, die absoluten Highlights des Ritts: Als sogenannte Commons, also Allgemeingut, sind die Heideflächen für alle zugänglich, ob auf
zwei oder vier Beinen. Menschen trifft man hier oben trotzdem kaum, dafür eine Menge Schafe, Wildvögel und – so erzählt uns May am ersten Tag – mit ein bisschen Glück auch ein paar Herden halbwilder Ponys. Bevor wir diese allerdings endlich zu Gesicht bekommen, wird noch eine Weile vergehen. Zu bestaunen gibt es inzwischen mehr als genug, denn das Panorama ist beeindruckend: Die Weiden in den Tälern, in ein Mosaik zerteilt durch Hecken und Steinmauern, erscheinen von oben wie ein in hundert verschiedenen Gelb-, Grün- und Ockertönen gehaltenes Gemälde. Sattsehen kann man sich daran auch in vier Tagen nicht.
Prinz und Schmied
Die erste Übernachtung steht für uns in Builth Wells an, einem Ort, wo walisische Geschichte geschrieben wurde. Die kleine Stadt am Fluss Wye hat vor einigen Jahren mit der Enthüllung eines großen Wandbildes für Aufsehen gesorgt. Dieses empfängt Reisende schon am Ortseingang, direkt neben der Brücke über den Wye. Die ganze Seite eines Gebäudes zeigt eine Szene aus den letzten Tagen des Llywelyn ap Gruffydd. Er wäre der letzte echte Prinz von Wales gewesen, erzählt uns eine Dorfbewohnerin, die uns bei einem abendlichen Spaziergang sofort als Touristen entlarvt. Verfolgt von der Armee des englischen Königs Edward I., versteckte er sich in den Hügeln nahe der Stadt. Der Versuch Edwards (dessen ausnehmend hässliches Porträt prominent über der gemalten Szene prangt), die Waliser englischen Gesetzen zu unterwerfen, hatte 1282 zu Aufständen geführt. Llywelyn ap Gruffydd, seit 1246 Herrscher des autonomen Wales, setzte sich mit seinen Landsleuten zur Wehr, Krieg brach aus. Im Dezember 1282 schließlich waren die Engländer dem Anführer der gegnerischen Armee dicht auf den Fersen. Jo, unsere pferdeverrückte Gastgeberin im B&B The Owls, weist uns auf ein interessantes Detail des Gemäldes hin: „Schaut euch die Hufabdrücke des Pferdes an, auf dem der Prinz sitzt.“ Tatsächlich: Ein schlauer Schmied nagelte dem Ross des Verfolgten die Hufeisen der Legende nach verkehrt herum auf, um Edwards Soldaten damit in die Irre zu führen. Erfolglos: Der Prinz wurde gestellt und getötet, zwei Jahre später war auch die letzte Gegenwehr Wales’ zerschlagen und das Land in das englische Königreich eingegliedert.

„All welcome“
Das Städtchen Builth Wells hat nicht nur aus historischen Gründen einen Namen: Hier findet alljährlich die berühmte Royal Welsh Show statt. Mit
Vieh- und Pferdemarkt, einer Vielzahl an Zuchtschauen, land- und forstwirtschaftlichen Bewerben und allerlei mehr zieht die Messe hunderttausende Besucher:innen von nah und fern an. An den riesigen Show Grounds reiten wir am nächsten Morgen vorbei – noch sind sie verlassen, aber es fällt nicht schwer, sich die mitreißende Atmosphäre der Messe vorzustellen. Die Landwirtschaft, und allem voran die Viehhaltung, prägt Wales kulturell wie landschaftlich. Ein wichtiges wirtschaftliches Standbein ist der Tourismus, denn die ländliche Idylle und das milde Klima lassen für Aktivtouristen kaum etwas zu wünschen übrig. Im Roast Ox Inn in Painscastle, unserer zweiten Herberge, sind sie allesamt willkommen. Das stellt ein Schild vor der Türe des urigen Landgasthauses, das direkt aus J.R.R. Tolkiens Fantasiewelt entsprungen scheint, klar: Ob Radler, Motorradfahrerin oder Wanderer, „all welcome“. Selbst Hund und Pferd dürfen laut Schild hier einkehren, aber wir stellen den Wirt nicht
auf die Probe. Die Pferde verbringen die Nacht ein paar Hundert Meter vom Dorf entfernt auf einer schönen Weide in Gesellschaft einiger Schafe und Kühe, während wir kulinarischen Genüssen aus Tonys Küche frönen. Der Besitzer des Roast Ox war, wie sich herausstellt, 18 Jahre lang Wahl-Österreicher, arbeitete unter anderem in der Küche eines Wiener Luxushotels. Das schmeckt man: Seine Marsala-Karfiol-Kreation in Backteig mit Kressesprossen und Kräuterdip macht uns sprachlos, und am nächsten Morgen schafft er es sogar, das schnöde Rührei auf Toast zum Gourmetfrühstück zu verzaubern. Kein Wunder eigentlich, dass sogar unsere Pferde seine Kochkünste mittlerweile kennen: Mein Wallach Woody ist am Morgen unseres dritten Tages zum ersten und einzigen Mal brennend an der Tasche meines Reitmantels interessiert. Er lässt sie nicht aus den Augen, bis ich auf seinem Rücken sitze. Über sein seltsames Verhalten wundere ich mich bis zur mittäglichen Picknickpause, wo sich das Rätsel
schließlich löst: Neben Sandwich und selbstgebackenem Früchtekuchen hat Tony auch eine Karotte für jedes Pferd in unsere Lunchpakete hineingeschummelt. Auf einem geflügelten Pferd Mitten durch den Farn-Dschungel geht es an diesem Vormittag. Der auf den britischen Inseln heimische Adlerfarn (Pteridium) hat sich in den letzten Jahrzehnten so rapide vermehrt, dass er mittlerweile große Teile der einstigen Heidevegetation ersetzt hat. Statt Heidelbeeren, Heidekraut und Wacholder wächst auf vielen der Hügel jetzt vor allem Farn. Die britische Regierung versucht seit Jahren, der explosiven Verbreitung mit einem Managementprogramm zu Leibe zu rücken. Aber die durch Entwaldung und
intensive Beweidung über Jahrhunderte mager gewordenen Böden sind ideale Habitate für durchsetzungsstarke, anspruchslose Pflanzenspezies wie ihn. Zum Glück für uns wird der Farn jedoch selten mehr als kniehoch, auf Trampelpfaden kommen die Pferde leicht durch das Dickicht. Die Schafe scheinen ihn außerdem gerne als Deckung vor solchen großen Störenfrieden zu nutzen. Nach der Mittagspause, die wir bei Sonnenschein neben unseren friedlich dösenden Pferden verbringen, kündigt uns May mit einem verschmitzten Lächeln den Ritt zum Racecourse (dt. Rennbahn)
an. Was da wohl auf uns wartet? Bald erreichen wir eine weitere Hügelkuppe, auf der seltsamerweise einige exotische Araukarien, Vertreter einer urzeitlichen Nadelbaumgattung, thronen. In einem großen Kreis rundherum führt ein breiter Weg, bedeckt mit dem für diese Hügel so typischen millimeterkurzen Rasen, der den perfekten Boden zum Reiten liefert (den Schafen sei Dank!). Während ich noch versuche, den Verlauf des Rundkurses um den Hügel zu überblicken, zeigt mir Woody unverblümt, was es mit dem Namen auf sich hat: Kaum biegen wir auf den Pfad ein, spüre ich seinen Turbo anspringen – und los schießt er in gestrecktem Galopp. Mir bleibt die Luft weg, nicht nur von der Geschwindigkeit, die in ihm steckt. Nach bereits einigen Stunden Ritt in fleißigem Tempo, mit vielen Steigungen und Bodenverhältnissen, die hier und da Konzentration fordern, überrascht er mich damit. Vor allem ist es aber das bildschöne 360°-Panorama, das mir den Atem raubt: In der klaren Luft ausgebreitet bis an den Horizont liegt die Landschaft da, und ich werde weit oben darüber hinweggetragen – als hätte mein Pferd Flügel. Das Gasthaus The Harp in Old Radnor setzt diesem spektakulären Tag des Abends die Krone auf. Das Gebäude aus dem 15. Jahrhundert, erbaut aus grob behauenen Steinen und sehr stilecht eingerichtet mit offenen Kaminen und dunklen Himmelbetten, steht auf einer Hügelkuppe, direkt neben der Kirche
St. Stephen, die in einem Großbritannien eigenen spätgotischen Stil errichtet wurde. Die Aussicht auf das Tal unterhalb ist traumhaft, ein keltisches Kreuz, aufgestellt in Gedenken an die Weltkriegsopfer, fügt dem Panorama einen gewissen Tiefgang hinzu. Auch der alte Friedhof neben der Kirche entführt in eine andere Zeit: Sandstein-Grabsteine, die nur noch Fragmente ihrer Inschriften erahnen lassen, versinken langsam zwischen Efeuranken und hohem Gras, darüber breiten Hunderte Jahre alte Eiben ihre dunkelgrünen Kronen aus.
Reiterparadies mit Hindernissen
Großbritannien ist ein Pferdeland. Das zeigt sich nicht nur an pferdeverrückten Royals und einer Unmenge einheimischer Pferderassen, sondern auch am Umgang mit Reitern im Straßenverkehr: Die Autofahrer auf den Straßen verhalten sich fast immer – zumindest was unsere Begegnungen betrifft – vorbildlich. Da wird gebremst oder sogar stehengeblieben, freundlich gegrüßt, und überholt grundsätzlich nur auf Aufforderung des Reiters hin. Davon könnte man sich hierzulande ein großes Scheibchen abschneiden … Aber ein wenig Herausforderung unterwegs muss auch in Wales sein. Sie begegnet uns in Form von Weidetoren. Wer es davor noch nicht beherrschte, braucht danach jedenfalls keine Sorge zu haben: Ein Tor vom Pferderücken aus zu öffnen und zu schließen lernt man hier im Handumdrehen, jeder Reittag bietet mehr als genug abwechslungsreiche Gelegenheiten zum Üben. Ich weiß jetzt: Es gibt wohl so viele verschiedene Arten, ein Tor zu verschließen, wie Schafbauern in Wales. Manche sind wundervollerweise extra so konzipiert, dass man sie ganz leicht –mit etwas Fingerspitzengefühl – vom Sattel aus entriegeln kann, für andere braucht man eher eine Brechstange. Unsere Pferde helfen tatkräftig mit, wo sie können. Woody übernimmt mit Freuden das Aufdrücken eines schwergängigen Tores, nachdem ich seine Geduld mit meinen ungeschickten Versuchen, den Riegel zu bewegen, ein wenig strapaziert habe. Oft genug enttäusche ich ihn auch, wenn ein Klappverschluss klemmt, Laschen festsitzen, schwere Tore schief in den Angeln hängen, oder genervte Grundbesitzer schlicht einen Nagel quer durch den Riegelverschluss getrieben haben. Eigentlich, erklärt uns May, dürfen sie das aber nicht, denn
selbst mit Pferd darf man in Großbritannien grundsätzlich fast jeden Weg benutzen. Was für ein Reiter-Paradies!

Eine echt walisische Erfahrung
An Tag vier, unserem letzten Reittag, durchqueren wir eine unendliche windgepeitschte, völlig baum- und strauchlose Hochebene. Über uns kreisen Rotmilane, Schafe springen aus den tief in die Erde eingekerbten Fahrrinnen davon, in die sie sich zum Ruhen gekauert haben. Tausende Augen verfolgen unseren schweigsamen Ritt. Wir sind offensichtlich eine seltene Abwechslung im Alltag der Schafe und Kühe, die hier oben weiden. Aber wo wir anfangs nur das Pfeifen des Windes hören, dröhnt uns schon bald das aufgeregte Blöken hunderter Schafe entgegen. Beim Näherreiten stellt sich heraus, dass eine Herde zum Scheren zusammengetrieben wurde und die Tiere jetzt eingepfercht und dicht zusammengedrängt auf den
Haarschnitt warten. Kurz zögert May, denn die Scherer sind bereits bei der Arbeit, und sie haben ihre Scherplattformen mit den ohrenbetäubend surrenden Gerätschaften direkt vor dem Tor aufgebaut, das wir passieren müssen. Etwas unentschlossen stoppen wir zwischen den aufgebrachten Schafen. Ich beobachte, wie ein Scherer das am Rücken vor ihm liegende Tier mit geübten Handgriffen hierhin und dorthin dreht und die Wolle in dicken Bauschen abfällt. Da entdeckt uns einer der Helfer und winkt uns mitten durch den Schafkorral zum Tor, das er uns freundlich aufhält. Zwischen den davonstiebenden Schafen reiten wir an ihm vorbei, bedanken uns herzlich, und ich bin einmal mehr begeistert davon, wie selbstverständlich und problemlos hier mit Reitern umgegangen wird. Selbst mitten im hektischen Getümmel eines Schertags. Was für eine
Erfahrung, da hineinzuplatzen! „Damit habt ihr Wales wirklich erlebt“, lacht May, nachdem wir den freundlichen Bauern, die hektische Schafherde und den Lärm der Schermaschinen hinter uns gelassen haben: Ohne Schafe wäre Wales einfach nicht Wales.
Kurz bevor wir vom letzten Hügel wieder hinab zum heimatlichen Stall reiten, entdecken wir in einiger Distanz, mitten im endlosen Grünbraun der Heide, dann endlich die halbwilden Ponys. Sie leben hier oben das ganze Jahr über in Freiheit. Gemächlich bewegen sie sich durch das Farndickicht, eine bunte Gruppe aus Schimmeln, Schecken, Braunen. Sie sind zu weit entfernt, als dass man Details erkennen könnte, und verschwinden schon bald wieder aus unserer Sichtweite. Aber irgendwie sind doch sie es, die diesem Ritt die Krone aufsetzen. Wie sie ein Teil dieser rauen, weiten, berührend schönen Landschaft werden – dieser Traum geht für Reiterurlauber:innen in Wales für ein paar Tage in Erfüllung.